Eingerichtet am 20.12.2000       Zuletzt geändert am 22.01.2001

Volkmar Kobelt HEIM    "Erfahrungen"

Ergänzung zu Erfahrungen:

Meine Diplomarbeit betraf die Streuung von Neutronen an Atomkernen: Wie die auf einen Kern geschossenen Neutronen sich auf die Ablenkungswinkel gegenüber der Geradeaus-Richtung verteilen, in Abhängigkeit von hinterlassenen Anregungs- (Energie-) -zuständen des Kerns. Viel Herumrechnen mit Kugelfunktionen und speziellen Funktionen der mathematischen Physik. Glücklicher Einfall, daß ausgezeichnete Richtungen von Kernen in einer Probe, auf die der Neutronenstrahl gerichtet wird, statistisch gleichmäßig über alle Richtungen verteilt sein werden. Danach relativ einfaches Rezept zur Berechnung, das ergab, daß die gesuchten Verteilungen ziemlich unabhängig vom angenommenen "halbklassischen" Modell des Kerns, wie taumelnde Ellipsoide oder schwabbelnde Tröpfchen, sind. Mangels Brachial-Rechenmaschinen in jener Zeit: Beweis über eine hinreichende Annäherung an Bessel-Funktionen über einen hinreichenden Winkelbereich durch gewisse Ausdrücke mit trigonometrischen Funktionen.

Arabeske: Es bedurfte eines kleinen Drucks durch meinen Professor, daß ich für eine zeichnerische Darstellung einiger charakteristischer Beispiele für zwei Stunden eine ratternde elektrische Rechenmaschine bediente. Inzwischen habe ich aber in Ehe und Beruf gelernt, Banalitäten zu erledigen.

Das Thema meines Promotionsversuchs war die röntgenographische Kristall­struktur­bestimmung. Es ging dabei um die Bestimmung von Molekülstrukturen aus der Intensitätsverteilung von Röntgenstrahlen, die an einem Kristall gebeugt werden, der aus den fraglichen Molekülen aufgebaut ist. Zentrales Problem: Von einer Fourierreihe zur Beschreibung der Struktur sind von der genannten Messung her nur die Absolutbeträge der Koeffizienten bekannt, nicht die Phasen. Man muß dann weitere Information hinzunehmen. Für viele Fälle waren schon Methoden bekannt, mit denen man mehr oder weniger Glück haben konnte. Schwierig: Kriterien für die Richtigkeit eines Ansatzes, Berücksichtigung von Meß- und Modell-Fehlern.

Jedenfalls habe ich wohl, neben Kommunikations-Problemen, eine Art moralischer Fehler gemacht: An mathematischen Methoden zu kleben, statt unbefangen, aber streng, etwa zu fragen: Was sind die richtigen Idealisierungen? Welche Züge eines vereinfachten Modells (ein- statt dreidimensional) bleiben im gefragten Fall erhalten? Welche Informationen kann man aus welchen Daten überhaupt erschließen? - Als ein Forschungs­stipendium nicht verlängert wurde, habe ich den Versuch abgebrochen.


Später beigefügt: Scan der Diplomarbeit.


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